VB BilderrahmenDer lee­re Rah­men

Nichts ist zu sehen am Anfang der christ­li­chen Zeit­rech­nung. Vom gekreu­zig­ten Jesus gibt es kei­ne Dar­stel­lung. Auf­ge­schrie­ben und erzählt wird es sehr wohl:

Wir ver­kün­di­gen Chris­tus als den Gekreu­zig­ten:
für Juden ein empö­ren­des Ärger­nis, für Hei­den eine Tor­heit, für die Beru­fe­nen aber, Juden wie Grie­chen, Chris­tus, Got­tes Kraft und Got­tes Weis­heit. (1 Kor 1,23).

Pau­lus ver­kün­det es in sei­nen Brie­fen, die Evan­ge­li­en berich­ten von Kreu­zi­gung und Tod Jesu. Es gehört zum Kern der Bot­schaft von Jesus, als dem Sohn Got­tes.

Doch anschau­en oder betrach­ten kann man nicht, was doch so wich­tig ist. Vier­hun­dert Jah­re lang wer­den Kreu­zi­gung und Tod Jesu nicht ins Bild gebracht.
Ver­blüf­fend und irri­tie­rend. Für uns ist ein Andachts­raum ohne Kreuz nicht ’kom­plett’. Es stellt sich die Fra­ge: War­um „ver­zich­te­ten“ die Chris­ten meh­re­re hun­dert Jah­re auf die bild­li­che Dar­stel­lung des Gekreu­zig­ten?

Die wich­tigs­te Ant­wort lie­fert uns Pau­lus im oben zitier­ten Text. In der Anti­ke war die Hin­rich­tung am Kreuz die schlimms­te und abschre­ckends­te Art einen Men­schen zu töten. Und im Römi­schen Welt­reich war es die größ­te Schan­de. So durf­ten römi­sche Bür­ger nicht am Kreuz hin­ge­rich­tet wer­den. Der berühm­te römi­sche Poli­ti­ker Cice­ro schreibt:

Das blo­ße Wort „Kreuz“ soll fern sein, nicht nur vom Leib römi­scher Bür­ger, son­dern auch von ihren Gedan­ken, Augen und Ohren. Denn nicht nur der tat­säch­li­che Ver­lauf die­ser Hin­rich­tungs­wei­se, son­dern auch deren Anblick, ja ihre blo­ße Erwäh­nung, sind eines römi­schen Bür­gers und frei­en Man­nes unwür­dig.

Des­halb war es für die Chris­ten unmög­lich und unvor­stell­bar den gekreu­zig­ten Herrn bild­lich dar­zu­stel­len.

Erst im 5. Jahr­hun­dert n. Chr. ver­än­dert sich die Ein­stel­lung und die künst­le­ri­sche Beschäf­ti­gung mit der Kreu­zi­gung Jesu beginnt. Und auch aus die­ser Zeit sind gera­de ein­mal zwei Bei­spie­le bekannt.

Ein „lee­rer Rah­men“ kann auch für uns ein Impuls sein, zur Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge:

  • Was begrei­fen wir heu­te noch von der anti­ken Rea­li­tät eines Kreu­zes?
  • Bewegt uns die Vor­stel­lung von der Grau­sam­keit der Hin­rich­tung?
  • Berührt uns die Schan­de, der Jesus aus­ge­setzt war?

In den fol­gen­den Tagen bis Ostern laden wir sie ein, sehr unter­schied­li­che Kreu­zes­dar­stel­lun­gen zu ent­de­cken.